sources chaudes

In den schwarzen Bergen haben wir die Hiobsbotschaft erhalten, dass unsere Freunde sich die Krätze eingefangen hatten. Wir hatten Sofas und Betten geteilt. Also erstmal: Panik und Juckreiz. (selbst jetz juckts mich wenn ich das schreibe!) Und dann, nach ausgiebiger Beratung der Entschluss, ja doch, wir wollten ja eh zu den heißen Quellen. Und das Schwefelwasser scheint auch gut gegen die Hautmilben zu sein.
Eine Extra-Problematik für Menschen im Nomad-Modus ist, dass alle Gebrauchsgegenstände, insbesondere Textil, eine Woche in Quarantäne müssen. Das heißt, dass wir ohne allen Klamotten, Schuhen, dem Schlafsack und den Decken die wir vorher benutzt hatten auskommen müssen. Und es ist kalt!
Also war Besorgung von Ersatzausrüstung angesagt. Zuerst in einem verlassenen Haus, Mäntel, Wollsocken, Decken von irgendwelchen Toten werden uns warmhalten. (auch Postkarten von 1910 oder so haben wir gefunden!!) Auf dem Weg haben wir dann noch aufgestockt: Bei Emaüs gabs Skianzüge, noch mehr Decken, Schal, Mütze, Handschuhe. In den Mülleimern vom Bio-Supermarkt haben wir eine gute Ration Gemüse gefunden, in der Tonne vom Discounter massig rohes Baguette. Bereit für unbestimmte Zeit in der Wildnis auszuharren…
Mitten in der Nacht sind wir dort angekommen. Jetzt noch baden? Ja. Abstieg den Trampelpfad bei Mondlicht und Kopflampe mit Wackelkontakt. Zugefrorenen Bach queren. Der Geruch von gekochten Eiern kündigt die Schwefelquellen an. Alle Kleider direkt in Plastiksäcke und schnell ab ins dampfende Wasser! Und wir hatten alle Becken für uns alleine. Draußen klapperkalt, alles eingefroren, sternenklarer Himmel; drinnen, die abgefrorenen Zehen und Finger gewöhnen sich langsam ans warme Wasser, unablässig stürzt ein Wasserfall aus einem eingeklemmten Ofenrohr ins Becken. Ich lasse nur Nase aus dem Wasser schauen und gehe mit dem dumpfen Gurgeln, den der Wasserfall unter der Oberfläche verursacht, auf Reise.

Wir hatten Angst, wie würden wir es jemals schaffen aus dem warmen Wasser wieder rauszugehen? Aber als wir dann irgendwann keine Wahl mehr hatten, durstig, totmüde und aufgedunsen, stellte sich herraus dass eins draußen trotz Minustemperaturen und Wind erstmal gar nicht friert. Genug Zeit die frische Kleidung und den Skianzug anzulegen. Und dann musste ich noch das Zelt aufstellen, gar nicht so einfach bei bockelhartem Boden und starkem Wind – mit Steinen beschwert schien es zu halten… Die Isomatten mussten auf Grund von ungewisser Kontamination unters Zelt, Schlafsack wird durch Skianzug und Decken ersetzt. Die Nacht war trotzdem nicht sehr erholsam. Als ich irgendwann aufgewacht bin, Füße abgefroren und der Rest auch nicht viel wärmer und ich auch keine Möglichkeit hatte noch isolierende Schichten anzulegen, habe ich entschieden baden zu gehen. Hervorragende Idee! Im Warmen auf den Tag zu warten und damit auf die rettenden Sonnenstrahlen. Den fehlenden Schlaf konnte ich später nach Erkundungsspaziergang und Frühstück kompensieren.

„Tagebuch“eintrag auf Schokoladenverpackung:

Fontpedrouse, Thermas Calientes ~12 Janvier.
Sturm, Zelt, Nacht,
Krätze?,Combinaison de Ski, lächerliche Mütze,
Zelt gerade abgespannt, eisige Finger, Anflug von Halzschmerz.
Es ist richtig toll hier, verbringe eine spitzen Zeit mit X und vieel davon in den heissen Quellen. Die wirklich ein magischer Ort sind. (Evtl geh ich gleich nochmal hin, es ist zwar mitten in der Nacht, aber zum Aufwärmen perfekt.)
Zum Glück habe ich gestern nach an die Säge gedacht, die ich bei J versteckt hatte. Hole sie, X ist auch da, J lädt uns ein, einwenig hinsetzen und ratschen. Mein Spanisch reicht dafür völlig aus! Zad, dormir en las thermas, zumo de manzanas de aqui, appellistes(?)
Und dann nochmal ins heiße Schwefelwasser gehüpft. Es hat wirklich unglaubliche Effekte, nach einer Weile ist einer einfach nicht mehr kalt, obwohl es unter 0°C aussen hat und der Oberkörper draußen ist, selbst ein kurzer Spaziergang ist kein Ding. Nur Trinken ist essentiell.

Diese heißen Quellen sind nicht nur einfach heiße Quellen. Über die Jahre hinweg haben sich einige Leute drumherum am Hang Hütten gebaut. In gewissen Kreisen ist der Ort bekannt, es ist eine gar nicht so kleine Gemeinschaft dort entstanden. Oben an der Straße stehen immer einige einschlägige Vehikel, ausgebaute Busse, Wohnmobile, sonstige Habitate auf Rädern. Der ganze Berg trägt die Spuren von hoch frequenter Visite: Trampelpfade auf jeder erdenklichen Route, Feuerstellen – hunderte!, zu viel Müll (obwohl es sich im Rahmen hält), verlassene Camps – wo ich wiederum nützliche Sachen finde: Linsen und Bohnen in der Dose, Schnur, Klamotten, Decken,…

J hat sich hier niedergelassen. Seit einem guten halben Dutzend Jahren lebt er in einer „Hütte“ ein wenig oberhalb der Quellen. Sein Zuhause – bestehend aus gebogenen Haselzweigen, Grundmauer aus Natursteinen, Plane und einem Feuer, das nie (wirklich!) ausgeht – ist gleichzeitig auch der Gemeinschaftsort für alle die wollen. Ich glaube er freut sich immer wenn jemand vorbeikommt. Dämmert dann irgendwann ein auf seinem Matratzenstapel neberm Feuer. Riesige Stammabschnitte glühen rauchend vor sich hin, manchmal bekommt eins Anweisungen von ihm, sie zu drehen oder weiter in die Feuerstelle zu schieben. Sitzend auf den Polstern rund ums Feuer, bekommt eins vom Rauch wenig ab. Sobald eins aber aufsteht ist der Kopf in der Rauchwolke, welche nur durch den Eingang abzieht. Neben den bunt gemischten Hippies lungert auch stets ein Rudel Hunde herum. „Todo dia fiesta“ J ist ein sehr spezieller Charakter, düster, spricht kaum französisch, gastfreundlich, strahlendes verschmitztes Lachen, Wut und Gleichgültigkeit. Jemand hat mal gesagt, er sei sein eigener Diktator.
Nach der zweiten Eiswind-Nacht in der ich irgendwann das Schlafen aufgebe und mich die Erdwärme rettet, habe ich mein Zelt auf eine kleine Wiesenterrasse unterhalb von J’s Hütte umgezogen. Ein bisschen windgeschützt, der Boden verweigert sich nicht ganz so arg meinen Heringen… Und in 2 Tagen würde ich auch endlich meine ganzen anderen Sachen wieder benutzen können.
Wieder baden gehen. Morgens ist so gut wie niemand in den Bädern. Es genügt völlig, einfach nur im Wasser zu liegen, mit dem Sand und den Kieseln zu spielen, die Gedanken kreisen zu lassen, bis irgendwann (recht schnell) der Kopf sich leert. Stunden vergehen, eins trifft andere Badende, zwangsläufig lernen sich die Leute kennen, wenn sie Zeit gemeinsam die Wärme aus dem Berginnern genießen. Small Talk mit nackigen Berufstätigen, Konversationen über Energieströme mit gepiercten Dreadheads, Gespräche mit Alteingesessenen: wie renoviere ich meine Hütte ohne viel Geld, Dübel rauchen mit katalonischen Päärchen, Krätzebekämpfungsmethoden austauschen, sowie Fachgespräche über sämtliche Parasiten und einhellige Bestätigung: die heißen Schwefelquellen wirken Wunder!

ganz oben: J wäscht seine Kleider; alles in eine große Plastiktasche und unter den Wasserfall=1a Waschmaschine!

Nicht nur die Körper können im heißen Wasser gegart werden; ich habe Experimente durchgeführt, Gemüse in einen Topf schnippeln welcher im Wasser steht, ganz oben direkt wo es, 60, 70°C heiß, aus dem Berg sprudelt. Manche Gemüse wurden lecker zart, aber der Blumenkohl nicht, er hat seinen Zustand gar nicht verändert. Irgendwann ist die Suppe dann aber vergoren… Die bessere Technik, habe ich dann rausgefunden, ist die Sachen direkt im Wasser zu kochen. Die kleinen Äpfel vom Baum nebenan werden so unglaublich lecker! Und gut funktioniert auch Wildkräuter-Infusion: Hagebutten und Thymian finden sich in rauen Mengen überall am Berg, in einem Marmeladenglas für einen Tag durchgezogen ergibt es ein super fruchtiges Getränk. Und beim Baden in den Quellen bekommt eins überraschenderweise richtig viel Durst!

Hunger dagegen – Fehlanzeige. Wir haben gemerkt, dass wir wesentlich weniger Essen als gewöhnlich. Wahrscheinlich braucht der Körper einfach keine Energie, wenn er im warmen Wasser liegt. Und das mehrere Stunden am Tag. Irgendwann ist dann Essen trotzdem gut, wir haben im Bus leckeren Biomüll Eintopf gekocht und J lädt auch immer gern zu diversem Feuergekochtem ein: Tortilla, Rotkraut, geröstetes Knoblauchbrot. Und als die Vorräte zuneige gingen haben wir uns auf Beschaffungsmission gemacht. In Prades war Markt, stiegenweise Gemüse und Obst haben sie uns überlassen am Ende. Am Rückweg war der Plan bei anderen heißen Quellen vorbeizuschauen. Wir haben etliche Beschreibungen erhalten von verschiedenen Spots verteilt übers Tal, alle etwas kryptisch. Naja, irgendwie würden wir es schon finden. Dann, am Ortsausgang haben wir eine Tremperin aufgegabelt. Sie war tatsächlich auf auf dem Weg zu Quellen. Also sind wir einfach mit ihr mit.

Parken an der halbverlassenen Heilanstalt, hoch an Pumpanlagen vorbei zur Bahnlinie vom gelben Zug. Dann ein paar hundert Meter auf den Gleisen, die Bimmelbahn kommt hupend entgegen, ziemlich lahm, alle Zeit beiseite zu gehen. Nach einer Brücke gehts den Trampelpfad hoch in den Wald bis nach einigenen Auf-und-Abs und Windungen durch Gestrüpp und Felsen eine Lichtung auftaucht, mit 3 schnuckeligen Becken und einer handvoll Badenden. Die Aussicht auf die Felswand gegenüber ist atemberaubend, der Mond scheint so hell, dass ich ohne künstliches Licht malen kann:

Zum Glück hatten wir den Bus. Oft war die Stimmung schon recht machohaft. Die Typen die genau wissen wie mann Feuer macht, wie mann seine Hütte baut, und die sich gegenseitig unterbrechen noch lauter besser wissen wie der andere. Langweilt mich einfach mittlerweile von Leuten umgeben zu sein, die keine Selbstwahrnehmung haben und nicht merken, wenn sie den ganzen Platz einnehmen. Im Bus hatten wir unsere Ruhe. Haben einige Partien Splendor gespielt, geschlemmt, gemeinschaftlich gezeichnet, ausführlich diskutiert über unsere Gefühle, Geisteszustände und Weltansichten.

Abstieg im Dunkeln zum Zelt, hoffentlich nicht dem riesigen Wolfshund übern Weg laufen… wir hatten Walkie Talkies um uns auf dem Laufenden zu halten (gibt kein Handyempfang und sowieso hab ich keins): „Schläfer an Spaziergänger: Verstehst du mich? Over.“ „Spaziergängerin an Schläferin: Ja einwandfrei. Over.“ „Alles in Ordnung? Over.“ „Ja, bin am Zelt angekommen, hab den Hund gesehn, diesmal hat er mich nicht beachtet, war gut zu wissen, dass ich dich jederzeit kontaktieren kann! Over.“ „Schön! Gute Nacht. Over and Out.“ Dann, ein oder zwei Zwiebelschichten ablegen, und mit von Quellwasser gewärmten Tee als Wärmflasche schnell in den Schlafsack unterm Deckenberg.

„Zelt an Bus: Hörst du mich oder schläfste noch? Over“ – keine Antwort. Rausschälen aus den isolierenden Schichten, Reisverschluss auf, außen ist alles weiß gezuckert! Pipi, Kaka und ab in die heißen Quellen! „Sources au camion: Tu m’endends? À toi.“ „Camoin aux sources: Oui! Je viens de me reveiller, je me fais un petit caffée et je decends! À toi.“ „Super, à bientôt, terminé.“
Zu unserem Entsetzen konnten wir beobachten, wie jemand mit seinem Smartphone im Wasser saß. Keine Ahnung was macht, Fotos auf Facebook posten oder was. Immer verbunden. IMMER. Andere Leute kommen an, erste Aktion, Telefon zücken, Fotos schießen. Die Welt wird nur mehr durch einen Bildschirm wahrgenommen. Posende Päärchen machen Selfies in den Becken. Knuutsch – auf dem Bild mit automatischem Blitz im Nebeldampf wird wenig zu sehn sein…
Ach ja, die Päärchen. Find ich auch oft super unangenehm. Der aufgepumpte Typ und die geschminkte Tussi die sich gegenseitig besitzen und auch sehr bedacht darauf sind, das zu zeigen. Eins könnte meinen, dass sie sich überlegen fühlen eineN Partner_in zu besitzen. Gegenüber den ganzen anderen die so schrecklich alleine sind.
Nach dem Wochenende ist die Touristen-Lohnarbeiter Plage wieder weg, zurück lassen sie Kippenstummel, abgebrannte Teelichter, Haargummis, Handtücher, Kleidung, Müll. Und angenehme Ruhe. Seit kurzer Zeit ist der Ort auf GoogleMaps markiert, seitdem kommen noch mehr Leute.

Und die Bewohner vom Dorf nebenan, Prats Balaguer, sind auch nicht sehr positiv gesinnt gegenüber dem bunten Treiben. Nackt Baden, unerhört! Regelmäßig, in aller Früh, fährt wer an den ganzen geparkten Wohnbussen vorbei – mit Dauerhupe… Die Jäger vergiften die Hunde und schießen neben den selbstgebauten Hütten Salven in die Luft.
Das Land gehört einer Erbengemeinschaft. Von denen einer sich gegen jeden Verkauf oder kommerzielle Nutzung sperrt. Und der auch kein Problem damit hat wie es läuft. Nur ist der liebe Mensch schon sehr alt und hat keine Erben.

Einmal mehr wird dann eine Oase ausgetrocknet, verkauft, und ist nurnoch denen zugänglich die auch kaufen. Voilà, die bittere Moral der Geschicht. Einfach hintrempen und Baden geht aber auch noch einige Jahre!

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Über lukasseite

system- und kunstkritische Kunst. aktivistischer Illustrator // reisender Portraitzeichner // kulturschaffender Radfahrer // Sand im Getriebe // Ein Tropfen im Ozean //

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