Wien

15128816_1555226517826809_2112997832880134611_oNach Wien fahre ich einmal im Jahr um auf dem Fesch’markt Portraits zu zeichnen. Portraitmalen auf Spendenbasis ist wirklich eine sehr effiziente und lukrative Art, Geld zu verdienen. Ich habe eigentlich kaum Kosten damit, male mit irgendwelchen Stiften die ich finde auf Kartonageabfall und in alte Bücher. Ich habe ein paar Bilder als Beispiele ausgedruckt, die werden dann aufgehängt, zusammen mit meinem Banner.
Und dann gehts ans Malen: Es kommen tausende Leute auf den Fesch’markt um dort ihr Geld auszugeben. Einige landen bei mir. Die meist makellosen, hübschen Menschen bilde ich ab. Versuche aus den Gesichtern das Wesentliche, dann doch Einzigartige herraus zu holen und irgendwie aufs Papier zu bringen. Es wird selten so wie ich will aber doch immer wieder gut. Und dann gleich die nächsten: junge Päärchen, Mama mit Kind, die Mädels-Clique, Mit-Fünfziger-Paare, die ganze Familie, … An einem Tag male ich wohl so 50-70 Gesichter. Das ist im Moment des Malens kein Problem, aber am Abend hinterlässt das schon eine gewisse Leere und Müdigkeit.

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Und noch etwas anderes hinterlässt das Malen auf einem solchen Event: den bitteren Beigeschmack, Teil der großen Konsum-Maschinerie gewesen zu sein. Die Welt ist so toll für alle die Geld haben und sich keine Gedanken machen. Die Leute die Geld haben, können hier her kommen und sich „handmade“ cool Stuff kaufen und dabei denken, sie unterstützen eine gute Sache. Ich möchte aber (nicht) wissen, wieviele Kubikmeter Müll dieser Markt und vorallem seine AusstellerInnen produzieren, wieviele Tonnen CO2 sie ausstoßen, wieviele Hektar Land in Ländern verwüstet werden. Naja scheiß Welt eben. Ich sollte mich aber auch wirklich nicht beschweren eigentlich, Veranstaltungen wie diese sind momentan schließlich meine Haupteinnahmequelle!

Nun jedenfalls dachte ich mir, als Ausgleich zu diesem Gewissenskonflikt, könnte ich einmal wieder meine Obdachlosenportrait-Serie fortsetzen. Und noch ein wenig von den Einnahmen aus der „König der Doofen“-Ausstellung unter die Menschen bringen. Das habe ich dann auch getan.
Ich konnte wie in Paris in der U-Bahn kostenlose Zeitungen finden, auf die ich damals gemalt hatte. Ironischerweise stand in der Ausgabe etwas über Bettelmafia. Oder irgendwelche dumm-kapitalisitschen Werbeanzeigen machen sich auch gut als Hintergrund.

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An der U-Bahn-Haltestelle Josephstädter Straße sitzen einige Leute beisammen. Es gibt dort ein Wiedereingliederungsprojekt mit Suppenküche. Und einen Schachtisch. Als ich nach einem Portrait frage, werde ich stattdessen zum Schach herrausgefordert. Er hat seine eigenen Figuren in einer Plastiktüte mitgebracht. Beim Gemalt-werden ist er eher skeptisch. Wir spielen eine ausgeglichene Partie, ich packe nebenher meine Ausrüstung aus und portraitiere immer wenn ich nicht am Zug bin. Einen Moment lang bildet sich eine Traube, alle kommen alle vorbei, sind neugierig was da los ist. Ziehen dann grummelnd wieder ab, es gibt eine kleine Auseinandersetzung. Einer wirft einem anderen vor, ihm sein verliehenes Geld nicht zurückzugeben, wie damals, die als er ihm die 20 Schilling Jahre lang nicht zurück gegeben hat. Das Schachspiel kann ich dann gewinnen, als er durch einen Fehler seine Dame verliert. Das Portrait hat ihm gut gefallen. Ob ich wisse wie das Leben auf der Straße ist? „Es ist hart weil einem keiner was glaubt. Keiner glaubt dir was!“

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Einer der anderen Anwesenden hat noch während des Spiels den Gewinner herrausgefordert. Ich war also nochmal dran. Mein neuer Gegner und Modell war ein sehr düsterer Zeitgenosse, er hat nicht viel gesprochen, wenn doch, dann in einem Gemisch aus breitem Wienerisch und Gangster-Slang. In der Schachpartie muss viel überlegen um nicht in eine seiner geschickt gestellten Fallen zu tappen. Irgendwann kam ein sehr großer dünner Mann her und hat mich nach meiner Farbtube gefragt, ob er davon was haben kann. Und einen Pinsel. Ja, geb ich ihm. „Ich brings dir auch gleich zurück!“ versichert er mir. Welche Farbe denn in der Tube wär? – Weiß. – Was? Weiß! Ein paar Minuten später, nicht mehr so viele Figuren am Feld, kommt er zurück, die Finger voll Farbe und meint lallend: „Hä, desis ja weiß! I brauch was Dunkles!“ Meine Tusche will ich ihm ungern mitgeben also schlage ich ihm vor, die dunkle Bank vollzumalen statt der weißen Wand. Murmelt irgendwas, nickt, geht und schmiert seine Finger an der Bank ab. Mein Spielpartner kommentiert trocken: „A Künstler auf Schwammerl.“ und reicht mir den „Ofen“.

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Es war dann irgendwann echt kalt. Ich bin am nächsten Tag nochmal hin und habe zuerst die Ansicht der Suppenküche und U-Bahn-Station gemalt. Von den Neugierigen war einer bereit sich portraitieren zu lassen. Tuko und sein Kumpel waren total begeistert. Sie haben mir in gebrochenem Deutsch erzählt, dass das es hier scheiße ist. Die Leute von der Einrichtung seien „wie Pitbull!“ Auch Tuko und sein Freund haben mir einen Ofen angeboten. Das Bild hat ihm so gut gefallen, dass ich noch ein zweites gemalt habe. Ich ließ ihn wählen, welches er behalten möchte. Er hat das erste genommen, das mir sehr gut gelungen ist. Das zweite ist hier zu sehen. Er wollte dann unbedingt noch mehr Geld als die 10€ die ich ihm gegeben habe. Meinte er muss irgendwelche Schulden zurück zahlen. Nachdem er kurz beleidigt war hat er sich dann mit Handschlag, Ghettofaust, inniger Umarmung und Tränen in den Augen von mir verabschiedet.

tukoklein

 

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Über lukasseite

system- und kunstkritische Kunst. aktivistischer Illustrator // reisender Portraitzeichner // kulturschaffender Radfahrer // Sand im Getriebe // Ein Tropfen im Ozean //

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