Les Réfugiés

Als im Herbst 2014 an der Frankenstraße und auf der Deutschherrnwiese Bierzelte als Flüchtlingsunterkünfte ausgestellt wurden, bin ich dort gewesen und habe den Menschen geholfen. Die Situation war sehr schwierig, weil die Erstaufnahmestellen für Flüchtlinge vollkommen überfüllt waren zu diesem Zeitpunkt. Deswegen wurden viele Leute direkt nach ihrer Ankunft in diesen Zelten untergebracht, leider ohne irgendwelche Ansprechpartner. Nur Securitys und ehrenamtliche Ärzte und hilfsbereite Leute von hier.
Ich habe mit den Menschen gesprochen. Oft war ich der erste „Einheimische“ mit dem sie sich unterhalten konnten. Vorallem die, die als einzige europäische Sprache Französisch sprechen, waren froh mit jemand reden zu können. Ich habe sogar eine Art Deutschkurs gegeben für eine kleine Gruppe.
Danach habe ich sie gefragt, ob ich ein Portrait von ihnen zeichnen darf und sie interviewen. Féla und Bayefall haben ja gesagt. Ich habe mit Kugelschreiber auf Durchschlagpapier gezeichnet, so dass sie das Original mitnehmen konnten und ich die Kopie. Die Woche drauf waren sie schon weg, im nächsten Lager.

Ich habe die die aufgezeichneten Interviews so gut ich konnte übersetzt. Die Originalfassung kann man sich in der Portrait-Ausstellung im „Heute:“ anhören.

Bayfall

Bayfall

Wie gehts?
Es geht mir gut.
Wie heißt du?
Ich heiße Selin Assan Salambo aber alle meine Freunde nennen mich Bayefall.
Beifall, Ok.
Ja, und das ist meine Religion, Bayefall.
Beifall ist deine Religion, Ok. Und wo kommst du her?
Ich komme aus Senegal.
Und wie bist du hierher gekommen?
Weil dort in Senegal sind wir 95% Muslime und weil ich Bayefall bin, bete ich nicht. Ich mache nicht was die Muslime machen. Aber wir haben unsere eigene Art unsere Religion zu praktizieren.
Was ist deine Religion?
Meine Religion ist Bayefall. Das bedeutet leben und leben lassen.
Es gibt keinen Gott?
Doch es gibt einen Gott. Wir glauben an Gott. Wir glauben an alle
Propheten. Wir glauben an alle Religionen, Wir glauben an jeden. An jeden. Das ist der Unterschied. Die haben Muhammad Sallallahu Alaihi Wasallam und sonst nur Gott. Die Muslime beten fünfmal am Tag, Ramadan und so. Als ich 19 Jahre alt war bin ich in die Bayefall-Gemeinschaft eingetreten. Nein, als ich 9 Jahre alt wahr, Pardon, 9 Jahre. Meine Familie wollte das nicht und mein Vater hat mich rausgeworfen, weil er keinen Bayefall bei sich akzeptieren konnte. Als ich weg bin, bin ich nach  Casamance gegangen.
Ist das eine Stadt?
Ja das ist eine Stadt im Süden vom Senegal. Aber dort ist Krieg. Rebellen sind dort. Wenn sie die Gelegenheit haben jemanden zu töten, töten sie ihn. Also habe ich mir gesagt, ich will nach Europa gehen. Ich habe immer davon geträumt nach Deutschland zu kommen. Deswegen habe ich beschlossen mich auf den Weg zu machen. Nach Deutschland.
Gibt es mehrere Bayefall? Ist das eine Gruppe?
Ja jetzt kennen uns die Leute langsam aber sicher. Am Anfang waren wir nicht viele. Der erste, der Gründer heißt Mashia Ibra Fha. Er hat gearbeitet. Alles was er hatte, hat er den Leuten gegeben. Er hat keine Kleider getragen. Er hatte Rastas. Er hat genau das Gegenteil gemacht von dem, was die normalen Leute gemacht haben.
Ich mag seine Philosophie. Ich lebe seine Philosophie. Es wäre besser wenn wir alle ruhiger wären. Es gäbe dort keinen Krieg wenn es keinen Rassismus gäbe. In unserer Religion akzeptieren wir jeden. Wenn du mit deiner Religion kommst, akzeptieren wir dich. Alles was du machen willst, kannst du machen. Aber du darfst niemanden stören. Ja, das ist unsere Philosophie.
Und als ich von dort losgegangen bin, habe ich ein Boot nach Spanien genommen.
Direkt vom Senegal aus?
Nein das erkläre ich jetzt. Um nach Spanien zu kommen habe bin ich erst mit einem Einbaum von Casamance nach Mauretanien gefahren. Mauretanien ist im Norden von Senegal.
War das teuer?
Ich habe 250000 CFA (200€) gezahlt. Ich habe in Casamance gearbeitet bis ich 500 Tausend CFA hatte. 250 hab ich eingesteckt und 250 gezahlt. Aber man hat uns nicht bis nach Spanien gebracht.
Wusstest du das vorher?
Nein, ich dachte man würde uns bis nach Spanien bringen um nach
Europa zu kommen. Aber sie haben uns in Mauretanien aussteigen lassen. Dann hab ich also auch in Mauretanien gearbeitet. Ich hab ein bisschen Geld verdient und bin dann bis nach Marokko gelaufen. Dort habe ich wieder bezahlt um nach Spanien zu kommen. Dort gibt es viel Rassismus. Wenn du schwarz bist und durch die Straße gehst, wirst du kontrolliert. Das wollte ich nicht. Ich bin nicht jemand, der schlecht ist. Ich bin gekommen um mein Leben zu finden. Eine Familie zu haben. Und eine angenehme Arbeit. Also habe ich was besseres gesucht. Ich hatte zwei Ziele: Entweder nach England oder nach Deutschland. Das sind die beiden Länder Europas die ich mag.
Hast du vorher von diesen Ländern gehört?
Wir haben in Afrika alle Informationen über Europa. Man sucht mit dem Internet. Man hat die Informationen. Wir wissen, dass das die einzigen beiden Länder in Europa sind, wo man akzeptiert wird wenn man kommt. Man wird in Ruhe gelassen. Man kann in Ruhe arbeiten. Die Leute respektieren einen. Es gibt keinen Rassismus. Es gibt nicht viel Rassismus, wir wissen, dass es welchen gibt aber nicht viel im Vergleich zu anderen Ländern. Im Vergleich zu Spanien. Als ich dort vorbeikam, habe ich es nicht gemocht. Ich habe 5 Jahre in Spanien verbracht, ich habe nie gearbeitet. Ich habe nur 5 Monate schwarz bei jemand in der Küche gearbeitet.
Dann habe ich in Spanien Freunde aufgesucht, die mir geholfen haben hier her zu kommen. Ich habe Leute kennengelernt, die wollten, dass ich ein gutes Leben habe. Sie haben mir Kontakte gegeben und mich hier her gebracht.
Und wie bist du hier her gekommen? Mit dem Zug?
Nein mit dem Auto. Sie haben mich nach Frankfurt gebracht und sind dann wieder zurückgefahren. In Frankfurt hatte ich einen Freund, der schon Asyl bekommen hat. Er hat mir gesagt, dass man zur Polizei gehen muss. Dort erklärst du, dass du Asyl haben willst und wenn sie es akzeptieren dann bekommst du Asyl.
Und dann hat man dich nach Nürnberg gebracht?
Nein. Mein Freund hat mir 50 Euro gegeben. Ich bin mit dem Zug nach München gefahren weil er gesagt hat, dass er dort war. Ich dachte, dass ganz Deutschland in München ist. Er hat mich begleitet, bis zur Polizei. Er hat mir gezeigt wo ich hin muss. Ich bin rein und habe gesagt, dass ich politisches Asyl beantrage. Dass ich hier bleiben will. Danach haben die Polizisten mir ein Zugticket gezahlt und mich nach Zirndorf geschickt. Dort habe ich 2 Nächte verbracht und dann wurden wir hier her gebracht. (Industrie-Gebiet Frankenstraße) Seit dem sind wir hier.
Weißt du wie lang ihr hier bleibt?
Ich habe echt keine Ahnung.
Hast du jemand mit dem du sprechen kannst?
Nein, nur die Freunde, die ich hier kennengelernt habe. Wir verstehen uns gut. Er ist jetzt mein Bruder.
Wie ist es für dich in diesen Zelten zu leben?
Wir mögen es wirklich nicht gerne, aber wir haben keine Wahl. Die Regierung hat uns hier her gebracht. Jetzt warten wir. Ich will nicht illegal in der Straße rumlaufen. Dann werde ich nur Probleme bekommen. Wir wollen keine Probleme. Wir wollen nur in Ruhe gelassen werden, eine Arbeit haben und wenn man eine Frau findet um zu heiraten, eine Familie gründen.
Weil meine Familie akzeptiert mich nicht mehr.
Und was möchtest du dann machen?
Wie ich dir schon erzählt habe, bin ich Koch. Ich habe das Kochen in Spanien gelernt. Ich will eine Ausbildung machen. Und mir eine Arbeit als Koch suchen.
Mein Traum ist es, dann die deutsche und die afrikanische Küche miteinander zu etwas Neuem zu kombinieren. Das möchte ich wirklich machen. Ich weis, dass die afrikanische Küche und die europäische absolut unterschiedlich sind. Aber es gibt Sachen, wenn die zusammen führt werden wir außergewöhnliche Dinge entdecken. Da bin ich mir sicher. Ich hab das in Spanien schon ausprobiert. Ich habe die spanische Küche genommen und afrikanische Zutaten verwendet. Alle Freunde die zu mir zum Essen gekommen sind haben es gemocht. Wirklich!

fela flüchtling

Féla

Wie heißt du?
Ich heiße Alassane Traoré, ich bin 24 Jahre alt, ich bin Malier, meine Freunde nennen mich Féla, Ich bin hier in Deutschland gelandet weil bei mir zuhause Krieg war. Ich bin am 25. Januar 2012 losgegangen. Ich war in Gao, ich hatte eine Kneipe dort. Mit meinem Bruder.
Das war nicht in Mali?
Doch im Norden. Ich bin in Bamaku geboren aber ich arbeite im Norden. Und ja als dann der Krieg angefangen hat, die Geschichte mit den Muslimen und Idealisten, haben sie alles kaputt gemacht, die Hasen geklaut, die Leute geschlagen und dann auch Leute getötet.
Und mich haben sie mitgenommen in ihr Camp. Sie haben mich gefangen, sie wollten dass ich mitmache beim Töten, beim Krieg gegen das malische Militär. Also bin ich 5 Tage bei ihnen geblieben, aber ich habe niemanden getötet. Bis ich eine Gelegenheit zur Flucht hatte und mich in Richtung Algerien aufmachen konnte.
Wie hast du das gemacht?
In der Nacht… Wir waren ungefähr zu 25. Sie haben 10 Leute an jede Ecke gestellt für die Wache. Ich habe dann so getan, als ob ich auf Toilette müsste und die Flucht ergriffen. Stück für Stück bin ich durch die Sahara, habe dort geschlafen. Stück für Stück, bis ich in Algerien ankam. Dort bin ich 3 Wochen geblieben. Dann bin ich nach Lybien gegangen und dort 6 Monate geblieben. Dort habe ich ein Boot genommen, dass mich nach Spanien gebracht hat. Spanien, danach bin ich nach Italien gegangen. Danach bin ich hier her gekommen.
Ja, wenn du noch etwas wissen willst…
Ja vielleicht Geschichten von der Reise, naja Reise…
Die Flucht war nicht einfach für mich weil ich Zeit gebraucht hab, zum Beispiel in Algerien und Lybien, um zu arbeiten zu können und Geld zu verdienen damit ich weiterfahren konnte.
Spricht man dort die selbe Sprache wie du?
Nein, gar nicht. Ich hatte Probleme mit der Sprache. Aber gut, zum Beispiel in Algerien, habe ich mit 5 anderen Maliern auf dem Bau gearbeitet. Sie haben mir übersetzt, was ich tun sollte. Das hat mir sehr geholfen. In Lybien war es das gleiche. Die Person, mit der ich in Algerien gearbeitet habe, hat mir als ich erzählt habe, dass ich nach Lybien gehe, Kontakte von Maliern dort gegeben. Also bin ich direkt dort hin gefahren. Ich bin da geblieben und er hat mir Arbeit gesucht. Also ich hatte doch nicht so viele Probleme mit der Sprache. Es gab immer jemanden, der mir erklärt hat was ich tun muss bis ich genug Geld hatte um das Boot zu nehmen.
Gab es keine Probleme an den Grenzen der Länder oder musstest du dich verstecken?
Nein, damit hatte ich keine Probleme. Vielleicht andere, aber ich hatte keine Probleme.
Bayefall: Aber nach Europa zu kommen, mit dem Boot, das ist illegal.
Aber selbst da hatte ich nicht allzuviele Probleme. Sie haben mir all mein Geld genommen, dass ich hatte. Aber mir wurde keine Gewalt angetan. Wenn man ins Boot einsteigt, sagen sie: „Ihr müsst alles hergeben, was ihr habt.“ Wenn du versuchst etwas mitzunehmen, werden sie dich schlagen. Das ist es, was passieren wird.
In der Küstenstadt versucht man Schleuser zu finden? Oder wie funktioniert das?
In Lybien zum Beispiel, gibt es Gruppen von Leuten. Es gab dort eine Stelle wo man sich beraten lässt. Ich bin dann mit einer Gruppe die nach Spanien wollte, mitgegangen zu den Leuten, die sich um die Boote kümmern. Wir sind also zu den Typen hin und die haben uns gesagt, jeder 300000. Das sind ungefähr 500 Euro. Ich hab also 500 Euro gezahlt.
Und das nehmen sie von allen Leuten die durch wollen?
Ja ja.
Und wieviele Leute sind in einem Boot?
Wir waren 15. 15 Leute.
In einem, wie sagt man, Schlauchboot?
Nein das ist, ja eine Art aufblasbares Boot. Es ist super gefährlich.
Hast du von Leuten gehört, die es nicht geschafft haben, die gestorben sind?
Ja viele Leute, es gibt viele Leute die es nicht schaffen. Das ist so eine Sache. Von Anfang an sagen sie euch, hier, ihr geht in das Boot, ihr geht ein hohes Risiko ein wenn ihr das macht. Es ist nicht sicher, wirklich, es ist absolut nicht sicher. Sie sagen euch…
Sie sagen, es ist halt so, ihr nehmt das Boot, wenn ihr ankommt in Spanien sagt ihr „Gott, danke dir“, wenn nicht, Basta eben. Das ist so, du riskierst, du siehst den Tod. Du probierst es.
Ja und die, sie geben euch das Boot und…?
Nein sie setzen einen ins Boot mit einer oder mehren andern Personen die das Boot fahren. Und dann in Spanien ist das rote Kreuz.
Musstet ihr schwimmen?
Nein man schwimmt nicht, ich musste nicht schwimmen.
Und in Europa bist du in Spanien angekommen und dann?
Ich bin in Spanien angekommen. Ich habe dann direkt einen Freund angerufen, der dort verheiratet ist, weil ich nämlich nicht zur Regierung gegangen bin. 3 Tage nach dem Roten Kreuz habe ich ihn angerufen. ich bin direkt zu ihm gegangen.
Weil das Ziel war nicht in Spanien zu bleiben. Weil, wie Bayefall dir schon gesagt hat, kennen wir alle Informationen über Europa. Echt, seit dem ich losgegangen bin, hab ich mir gesagt, das ich nach Deutschland will. Das ist das Land wo ich bleiben wollte.
Ich bin 3 Monate bei ihm geblieben, dann bin ich los um einen anderen Kollegen zu treffen in Italien. Da war ich 6 Monate um Geld zu verdienen. Dann habe ich einen Zug nach München genommen. Ich habe direkt am Bahnhof gefragt wo das Kommissariat ist. Jemand hat mir gesagt, wie ich hinkomme. Ich bin gleich da hin. Die haben mich dann nach Zirndorf gebracht. Jetzt wollen wir was machen, wir wollen arbeiten und halt wie jeder leben.
Bayefall: Leben wie ein Deutscher, die deutsche Staatsbürgerschaft haben, in Ruhe gelassen werden, arbeiten und alles machen, was ein menschliches Wesen tun will.
Ja. Ja jeder das Recht einfach normal zu leben. Wir sind alle Menschen. Wir sind nicht da, um umher zu ziehen. Wirklich, ich möchte leben. Normal eben. Ruhig, wie jeder eben. Mit meiner sueur.
Mit was?
La sueur.
Was ist das?
Ich weis nicht wie man das auf Englisch sagt.
Bayefall: La sueur, wenn du arbeitest, dann…(zeigt sich unter die Achseln)
Ah Schweiß!
Schweiß Schweiß…(sie wiederholen das Wort ein paar Mal auf deutsch) Arbeiten und eigenes Geld verdienen!
Und was würdest du dann gerne machen? Eine Kneipe?
Ich würde gerne eine Ausbildung in Plomberie machen.
Plomberie, was war das nochmal?
Am Bau, mit Wasser, Heizung…Klempnern.
Ja, ja genau.
Das mache ich gerne. Weil ich das ein bisschen gemacht habe in meinem Land. Ich bin mit meinem Onkel, der Klempner ist, Sonntags los. Nicht jeden Tag, weil die anderen hatte ich in der Bar zu tun. Als Barmann eben.
Tja genau… wir wollen halt…
Wir wollen was machen.

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Über lukasseite

system- und kunstkritische Kunst. aktivistischer Illustrator // reisender Portraitzeichner // kulturschaffender Radfahrer // Sand im Getriebe // Ein Tropfen im Ozean //

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